Blase außer Kontrolle

Die Harninkontinenz wird nach wie vor stark tabuisiert, obwohl in Österreich fast 1 Mio. Menschen zumindest gelegentlich Harn verlieren.

Die International Continence Society (ICS) definiert Harninkontinenz als „ein Symptom des unfreiwilligen Urinverlustes jeglichen Ausmaßes“.

Die Häufigkeit steigt bei beiden Geschlechtern mit dem Alter – in Österreich leiden bei den über 70-Jährigen ca. 35 % der Frauen und 15 % der Männer an Harnverlust.

Man unterscheidet mehrere Formen, wobei oft auch Mischformen vorkommen können. Die häufigsten Formen (90 %) sind die Belastungs- und Dranginkontinenz sowie die Kombination aus beiden.

Einteilung

Belastungsinkontinenz

Führendes Symptom ist der unfreiwillige Harnverlust bei z. B. körperlicher Anstrengung, Husten, Niesen, Lachen oder Laufen.

Insgesamt ist sie bei Frauen viel häufiger und tritt als Folge einer Beckenbodenschwäche auf (z. B. nach Schwangerschaften, bei Übergewicht, im Alter). Bei Männern tritt sie fast immer als Folge eines chirurgischen Eingriffes im kleinen Becken auf.

Dranginkontinenz

Führendes Symptom ist der plötzliche, nicht kontrollierbare Harndrang mit folgendem unfreiwilligem Harnverlust.

Ab dem 60. Lebensjahr sind beide Geschlechter etwa gleich häufig betroffen.

Ursache ist ein Ungleichgewicht zwischen „Harn drang impulsen“ und zentraler Hemmung (im Gehirn). Vermehrte Impulse entstehen z. B. bei einem Harnwegsinfekt, als Folge einer Prostatahyperplasie, bei chronischen Reizzuständen oder als Folge eines Hormonmangels in der Menopause.

Fehlende zentrale Hemmung kann bei allen Prozessen im zentralen Nervensystem auftreten (z. B. Mb. Parkinson, nach Insult, bei Tumoren, MS ...) Inkontinenz bei chronischem Harnverhalt Die volle überdehnte Harnblase verliert Urin, ohne sich zu kontrahieren und ohne sich vollständig zu entleeren (früher auch „Überlaufinkontinenz“ genannt).

Extraurethrale (anatomische) Inkontinenz

Harnabgang durch Kanäle außerhalb der Harnröhre (Fisteln, Missbildungen, …)

Diagnostik

Als Basisdiagnostik ist eine genaue Anamnese unerlässlich (Ausmaß des Harnverlustes, Vorerkrankungen, Voroperationen, Medikamente, neurologische und urologische Erkrankungen, …)

Weiters:

  • Klinische Untersuchung, inkl. Ultraschall
  • Restharnmessung
  • Harnbefund
  • Miktionstagebuch über mind. 48 Stunden (Aufzeichnung von Flüssigkeitszufuhr und Harnmenge)

Als weitere Diagnostik nach z. B. erfolgloser konservativer Therapie oder vor operativen Eingriffen zählen die Harnblasenspiegelung und eine urodynamische Untersuchung (= Funktionsuntersuchung der Harnblase)

Therapie

Als erster Schritt sind bei beiden Inkontinenzformen Lebensstilmaßnahmen und konservative Therapiemaßnahmen zu treffen:

  • Gewichtsabnahme (!)
  • ggf. Medikamentenadaption
  • Adaptation der Flüssigkeitszufuhr
  • regelmäßige Miktion
  • Selbstmonitoring mittels Blasentagebuch
  • konsequente Beckenbodengymnastik
  • (unter physiotherapeutischer Anleitung)

Weitere Therapiemöglichkeiten bei Belastungsinkontinenz:

Eine effiziente medikamentöse Therapie gibt es nicht. Bei therapieresistenter Belastungsinkontinenz gilt für Frauen seit Jahren als Methode die Wahl der Band- bzw. Schlingen-Operation (von Gynäkologen oder Urologen durchgeführt).

Bei Männern hat sich eine Vielzahl von OP-Techniken etabliert, wie z. B. Sphinkter, Bänder, Ballonimplatation, „bulking agents“ (von Urologen durchgeführt).

Weitere Therapiemöglichkeiten bei Dranginkontinenz:

  • Flüssigkeitsregulation
  • Vermeidung bzw. Reduktion von Kaffee, Zitrusfrüchten, scharfen Gewürzen, kohlensäurehaltigen Getränken (= Reizstoffe)
  • Medikamentöse Therapie mit diversen Antimuskarinika („dämpfen“ die Blase, haben aber auch ein gewisses Nebenwirkungsspektrum, weiters müssen sie zumindest 6 Wochen eingenommen werden, um ihre Wirksamkeit beurteilen zu können)
  • medikamentöse Therapie mit Beta-3-Agonisten (eine neue Substanzklasse)
  • bei Frauen in der Menopause lokale Östrogentherapie

Bei Therapieversagen bzw. Medikamentenunverträglichkeit besteht die Möglichkeit der Injektion von Botulinumtoxin A in den Blasenmuskel. Die Wirkung ist jedoch nicht anhaltend und die Injektionen müssen nach einigen Monaten wiederholt werden.

Als weitere operative Therapieverfahren stehen noch die sakrale Neuromodulation (Anregen der Sakralnerven, die die Funktion von Harnblase und Schließmuskel steuern) und (als allerletzte Option) die Blasenaugmentation (operative Vergrößerung der Blasenkapazität) zur Verfügung.

Die Basisdiagnostik und das Einleiten einer konservativen Therapie kann durch den Allgemeinmediziner erfolgen, bei therapieresistenten oder komplexen Fällen (mit z. B. rezidivierenden Harnwegsinfekten oder Blut im Harn) ist eine Vorstellung beim Urologen empfohlen.

Kontakt und weitere Informationen

Dr. Julia Roth
Fachärztin für Urologie und Andrologie

Herzkatheter-Untersuchung

Die Untersuchung mittels Herzkatheter ist eine schonende, minimal-invasive Methode der Untersuchung und Behandlung bestimmter Herzerkrankungen.

Mehr

Gesunder Schlaf

Schlaf ist ein physiologischer Zustand, welcher vom Gehirn gesteuert wird. Während des Schlafs verändern sich zum einen der Bewusstseinszustand und zum anderen die Körperfunktionen.

Mehr

Altersgerechte Medizin

Die optimale medizinische Betreuung für ältere Menschen ist das Ziel der altersgerechten Medizin, die mit dem medizinischen Zusatzfach Geriatrie abgedeckt wird.

Mehr

Frauenherzen schlagen anders

Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen mit 42,8 % immer noch die häufigste Todesursache in Österreich dar. Fast jede zweite Frau ist von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen, trotzdem wissen nur die wenigsten über die Risiken und Symptome Bescheid.

Mehr