Mit der steigenden Lebenserwartung gewinnt die Hirngesundheit zunehmend an Bedeutung. Denn ab einem erreichten Alter von 90 Jahren betrifft eine Demenzerkrankung jeden dritten Menschen. Wir besprechen mit Prim. Dr. Arno Pramsohler, Leiter der Neurologie in der Privatklinik Villach, und Dr. Sylvia Primosch, Fachärztin für Neurologie in der Privatklinik Maria Hilf in Klagenfurt, warum eine Demenzabklärung immer den Menschen und sein Umfeld in den Mittelpunkt stellt. Wir sprechen über frühe Warnsignale, umfassende Diagnostik und darüber, dass Vergesslichkeit nicht zwingend Demenz bedeutet.

Erste Veränderungen erkennen

Demenz entwickelt sich schleichend. Betroffene nehmen die Veränderungen häufig selbst kaum wahr, während Angehörige erste Auffälligkeiten beobachten oder unbewusst Aufgaben im Alltag zu übernehmen beginnen.
„Eine zielführende Demenzdiagnostik ist ohne Angehörige kaum möglich, weil sich die Wahrnehmung der Betroffenen oft deutlich von den Beobachtungen ihres Umfelds unterscheidet“, erklärt Dr. Primosch. Deutlich sichtbar werden Einschränkungen oft erstmals in ungewohnter Umgebung, z. B. im Urlaub. Betroffene haben plötzlich Probleme, sich zurechtzufinden, oder wirken verwirrt. Weitere Warnsignale können nachlassendes Urteilsvermögen, etwa im Umgang mit Finanzen, sozialer Rückzug, Stimmungsschwankungen, Misstrauen oder Persönlichkeitsveränderungen sein. 

Präzise Diagnostik schafft Klarheit

Demenz ist nicht gleich Demenz. Allen Demenzformen ist jedoch gemein, dass die Kapazitäten und Querverbindungen im Hirn, die im Laufe eines Lebens aufgebaut wurden, nach und nach verloren gehen. Dennoch unterscheiden
sich Ursachen, Verlauf und Therapie erheblich. „Frühdiagnostik und Zuordnung sind entscheidend, weil sich daraus unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten ergeben“, betont Prim. Pramsohler. Als Meilenstein in der Behandlung gilt die Antikörpertherapie für Patienten mit einer nachgewiesenen Alzheimer- Erkrankung im Frühstadium. „Diese Therapie richtet sich erstmals gezielt gegen die Eiweißablagerungen im Gehirn und greift damit direkt in den Krankheitsprozess ein“, erklärt Prim. Pramsohler, „und weil sie ausschließlich im Frühstadium der Alzheimer-Erkrankung wirksam ist, bestätigt sich auch hier die Wichtigkeit der präzisen Erkennung von Frühsymptomen.“ Die Verabreichung der Antikörpertherapie erfolgt derzeit ausschließlich im Klinikum Klagenfurt, während die Diagnostik und Therapiebegleitung in enger Zusammenarbeit mit den Privatkliniken Villach und Maria Hilf erfolgen können.

Begleitung über die Diagnose hinaus

Neben der Diagnostik spielt die langfristige Begleitung von Betroffenen und Angehörigen eine zentrale Rolle. „Gemeinsame, ausführliche und respektvolle Gespräche sind unerlässlich. Das verlangt vor allem Zeit – und die nehmen wir uns“, so Prim. Pramsohler. Eine Demenzerkrankung betrifft nie nur den einzelnen Menschen, sondern immer auch sein Umfeld. Deshalb setzen beide Privatkliniken auf interdisziplinäre Betreuung. Neben Neurologie und Klinischer Psychologie begleiten Ergotherapie, Pflege und Sozialarbeit den weiteren Weg. „Es heißt ja, für die Kindererziehung brauche es ein ganzes Dorf. Bei der Demenzbehandlung ist es genauso. Nur gemeinsam mit Angehörigen und verschiedenen Fachbereichen können wir Betroffene bestmöglich begleiten“, fasst es Dr. Primosch eindrücklich zusammen. Demenzprävention Studien zeigen, dass sich zahlreiche Risikofaktoren (rund 45 Prozent!) positiv beeinflussen lassen. Regelmäßige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung, geistige Aktivität und soziale Kontakte tragen ebenso zur Hirngesundheit bei wie die konsequente Behandlung von erhöhten LDL-Cholesterinwerten. Auch das Sehund Hörvermögen spielen eine wesentliche Rolle. „Wer Sprache nicht mehr verstehen kann, ist selbst in einer großen Gruppe sozial isoliert. Dem Gehirn fehlen wichtige Reize. Deshalb ist die rechtzeitige Versorgung mit passenden Hilfsmitteln wie Brillen und Hörgeräten ein wichtiger Faktor, den wir ebenso mit Angehörigen besprechen. Insbesondere gesundes Hören hält den Menschen aktiv im sozialen Leben – und das ist wichtig“, erklärt Dr. Primosch.

Differenzialdiagnosen

Allerdings ist nicht jede Gedächtnisstörung eine Demenz. „Ein gewisses Nachlassen der kognitiven Leistungsfähigkeit gehört zum Älterwerden dazu. Vergesslichkeit oder leichte Konzentrationsschwächen allein bedeuten noch keine Demenz“, stellt Dr. Primosch klar. Entscheidend für den Krankheitswert ist vielmehr, ob die Veränderungen den Alltag und die Selbstständigkeit des Betroffenen beeinträchtigen. Eine sorgfältige Differenzialdiagnostik ist unverzichtbar, denn hinter vielen vermeintlichen Demenzsymptomen können sich auch andere Krankheitsbilder verbergen. „Es gibt zahlreiche Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden verursachen, aber gut behandelbar sind“, betont Prim. Pramsohler. Dazu zählen Depressionen, Stoffwechselstörungen, Infektionen oder Nebenwirkungen von Medikamenten wie auch eine Störung der Liquorzirkulation, die mit Gangunsicherheit und Gedächtnisproblemen einhergehen kann. „In diesem seltenen Fall kann bereits eine Liquorablassung zu einer raschen Besserung der Gangstörung führen und damit einen wichtigen Hinweis auf die Erfolgsaussichten einer weiteren Behandlung geben“, bestätigt Prim. Pramsohler. Gründliche Abklärung verhindert also nicht nur Fehldiagnosen, sondern ermöglicht oft raschen Therapieerfolg.

Kontakt und weitere Informationen

Prim. Dr. Arno Pramsohler
Leiter Neurologie
Facharzt für Neurologie
Privatklinik Villach
E: arno.pramsohler@humanomed.at


Dr. Sylvia Primosch
Fachärztin für Neurologie & Allgemeinmedizin
Privatklinik Maria Hilf
E: sylvia.primosch@humanomed.at

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