Wenn Kilos krank machen
Adipositas, umgangssprachlich Fettleibigkeit, ist eine chronische Erkrankung, die durch eine übermäßige Ansammlung von Körperfett gekennzeichnet ist. Häufig geht sie mit Begleiterkrankungen wie Herzschwäche, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes mellitus, verschiedenen Krebsarten und Problemen des Bewegungsapparats einher. Neue Medikamente erweitern die Behandlungsmöglichkeiten entscheidend. Sie sollten aber immer Teil eines umfassenden Konzepts sein, das eine Lebensstilmodifikation und, wenn nötig, chirurgische Maßnahmen einschließt.
Zahlen, Fakten und Prognosen
Weltweit steigt die Zahl von Übergewicht und Adipositas kontinuierlich, besonders in wohlhabenden Staaten mit veränderten Ernährungs- und Bewegungsmustern. In Österreich sind etwa 35 % der über 15-Jährigen übergewichtig (BMI ≥ 25 kg/m²) und rund 17 % adipös (BMI ≥ 30 kg/m²). Bereits über 8 % aller Todesfälle in Österreich (unter 85 Jahren) werden auf Adipositas zurückgeführt, häufig in Verbindung mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Auch die Gesundheitskosten sind erheblich: Etwa 5 % der Ausgaben – rund 2,3 Mrd. Euro jährlich – entfallen auf Adipositas und ihre Folgeerkrankungen. Prognosen gehen davon aus, dass bis 2035 rund 40 % der Männer und 28 % der Frauen in Österreich adipös sein werden.
Diagnose – BMI alleine reicht nicht
Die Diagnose erfolgt zunächst über den Body-Mass-Index (BMI):
Kategorie | BMI (kg/m2) |
Normalgewicht | 18,5 – 25 |
Übergewicht | 25 – 30 |
Adipositas Grad I | 30 – 35 |
Adipositas Grad II | 35 – 40 |
Adipositas Grad III | > 40 |
Der BMI alleine sagt jedoch wenig über die Fettverteilung aus. Besonders Bauchfett ist kritisch, da es das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes stark erhöht. Deshalb wird zusätzlich der Taillenumfang gemessen: ≥ 88 cm bei Frauen, ≥ 102 cm bei Männern.
Zur Abklärung von Begleiterkrankungen werden Blutdruckmessung, Laboruntersuchungen (Blut, Urin) und EKG empfohlen. Auch psychische Faktoren, Medikation, Ernährung und Bewegungsverhalten sollten genau erfasst werden.
Therapie – multimodal und langfristig
Die Behandlung von Adipositas basiert auf drei Säulen:
1. Lebensstilmodifikation
■ Ernährung: Kaloriendefizit, flexible Programme, mediterrane Kost oder intermittierendes Fasten – immer individuell angepasst.
■ Bewegung: regelmäßige körperliche Aktivität (Ausdauer- und Krafttraining) zur Förderung des Energieverbrauchs und Erhalts der Muskelmasse.
■ Verhaltenstherapie: Motivation, Selbstmonitoring und Strategien zur Rückfallprävention.
2. Unterstützende Medikation
Wenn Lebensstilmaßnahmen nicht ausreichen, können Medikamente eingesetzt werden:
■ Orlistat hemmt die Fettaufnahme im Darm.
■ GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid oder Liraglutid sowie GIP-GLP-Agonisten wie Tirzepatid wirken über Sättigung, Appetit und Stoffwechsel. Sie führen zu einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von ca. 10 % und haben zusätzlich zuckersenkende Effekte, die Diabetes verbessern und Herz und Nieren schützen.
3. Bariatrische (metabolische) Chirurgie
Bei schwerer Adipositas (BMI ≥ 40 kg/m² oder ≥ 35 kg/m² mit Begleiterkrankungen) kann eine Operation sinnvoll sein, wenn konservative Maßnahmen über sechs Monate erfolglos waren. Typische Verfahren sind Magenbypass oder Schlauchmagen (Abb. 1), die die Nahrungsaufnahme reduzieren. Eine lebenslange Supplementierung von Vitaminen und Mineralstoffen ist dabei erforderlich.
Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die eine langfristige Betreuung erfordert. Dazu gehören regelmäßiges Monitoring, die Anpassung von Therapie- und Lebensstilmaßnahmen, psychosoziale Unterstützung und Strategien zur Rückfallprävention. Besonders für Patienten, die zusätzlich an Diabetes leiden, ist eine genaue Kontrolle von Blutzucker und Stoffwechselparametern entscheidend, um Folgeerkrankungen zu vermeiden.
Da Übergewicht und Adipositas das Risiko für Diabetes mellitus erheblich erhöhen, rückt die gezielte Blutzuckerkontrolle zunehmend in den Fokus. Neben Ernährung, Bewegung und medikamentöser Therapie spielt dabei vor allem die Schulung der Patienten eine zentrale Rolle, um die Werte langfristig stabil zu halten. Moderne Technologien wie das Flash-Glucose-Moni-toring (FGM) können diesen Prozess effektiv unterstützen, indem sie kontinuierlich Informationen über den Blutzuckerverlauf liefern und so die Selbstkontrolle und Therapieanpassung erleichtern.
Was ist Flash-Glucose-Monitoring?
Beim Flash-Glucose-Monitoring wird ein kleiner Sensor, meist am Oberarm, unter die Haut gesetzt, der kontinuierlich den Glukosewert im Gewebe misst, nicht direkt im Blut. Der Sensor bleibt bis zu 14 Tage aktiv und liefert aktuelle Werte und Trends über Stunden, sodass steigende oder fallende Werte früh erkannt werden – ganz ohne ständige Fingerstiche.
Schulungsinhalte für Patienten
Ziel der Schulung ist es, die Patienten zu befähigen, sicher und eigenständig mit dem Gerät umzugehen, ihre Glukosewerte richtig zu interpretieren und darauf basierend Entscheidungen für ihre Therapie zu treffen.
Bei der Diabetesschulung lernen Betroffene:
■ Sensoranwendung: korrektes Anbringen, Tragedauer, Alltagstipps (Duschen, Sport)
■ Dateninterpretation: Bedeutung von Trendpfeilen und Verlaufskurven
■ Therapieentscheidungen: Muster erkennen und richtig reagieren
■ Datenmanagement: Werte speichern, auswerten und dem Behandlungsteam zur Verfügung stellen
Vorteile im Alltag
Das Flash-Glucose-Monitoring gibt Patienten mehr Sicherheit und Selbstkontrolle, erkennt Unterzuckerung (Hypoglykämie) und Überzuckerung (Hyperglykämie) früh und verringert langfristig das Risiko für Folgeerkrankungen. Besonders für insulinpflichtige Menschen – bei bestimmten Formen der Insulintherapie mit mehrmals täglichen Injektionen oder Insulinpumpe übernimmt die Krankenkasse die Kosten für das Gerät und Verbrauchsmaterial –, Kinder, Jugendliche oder ältere Patienten ist das System eine wertvolle Unterstützung.
In Kombination mit einer umfassenden Diabetesschulung schafft das Flash-Glucose-Monitoring eine moderne, datenbasierte Grundlage, um den eigenen Blutzucker besser zu verstehen, selbstständig zu steuern und die Lebensqualität spürbar zu steigern. Eine persönliche Einweisung durch geschultes Fachpersonal ist dabei entscheidend, um das volle Potenzial der Technologie ausschöpfen zu können.
Kontakt und weitere Informationen
OA Dr. James Gredler
Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen
Privatklinik Villach
E: james.gredler@privatklinik-villach.at